Jede Trophäe verblasst. Das geht so langsam, dass man es nicht bemerkt – bis man ein altes Bild findet und sieht, wie das Gehörn damals aussah. Warmes Braun ist strohfarben geworden, aus der Perlung ist die Tiefe verschwunden, und an der Wand hängt ein Stück, das mit der Erinnerung nicht mehr viel gemeinsam hat.
Und manche Trophäe war nie richtig braun.
Wenn der Bock nicht fertig geworden ist
Ein Geweih bekommt seine Farbe nicht von selbst. Sie entsteht beim Fegen: Der Bock schiebt den Bast an Stämmen und Sträuchern ab, dabei mischen sich Blut und Pflanzensäfte, und die Gerbstoffe aus dem Holz färben das frische, helle Horn dunkel. Wer schon einmal einen Bock direkt nach dem Fegen gesehen hat, kennt die Farbe – fast rotbraun, mit hellen Spitzen.
Das funktioniert nur, wenn er Zeit hatte. Ein früh erlegter Bock, einer der erst halb gefegt hat, einer der noch Bastreste trägt: Seine Stangen sind hell, gelblich, manchmal fast weiß. Die Trophäe ist dieselbe, das Stück war dasselbe – aber an der Wand sieht sie unfertig aus.
Dazu kommt das Revier. Wer an Fichte fegt, bekommt ein anderes Braun als einer, der an Eiche oder Erle geht. Manche Reviere bringen schlicht hellere Trophäen hervor, und das hat nichts mit der Qualität des Stücks zu tun.
Genau hier macht eine Walnussbeize etwas, das man schwer besser beschreiben kann als so: Sie holt nach, was der Bock nicht zu Ende gebracht hat. Die Gerbstoffe aus der grünen Schale sind derselbe Stofftyp, der beim Fegen aus dem Holz ins Horn geht. Es ist kein Anmalen – es ist derselbe Vorgang wie beim Fwgen, nur mit dem Pinsel.
(Bastreste sollte man vorher entfernen, nicht überbeizen. Darunter sitzt helles Horn, das nach dem Ablösen mitgefärbt wird.)
Was der Präparator macht
Erwin Kappel (Der Influrator hier auf Instagram) sammelte jeden Herbst Walnussschalen. Nicht die harten Nussschalen, sondern die grüne, fleischige Hülle, die im September um die Nuss sitzt und beim Ernten sowieso abfällt. Wer die einmal in der Hand hatte, weiß, was sie kann: Die Finger sind danach tagelang braun, und zwar richtig.
Genau darum geht es. Der Influrator setzt die Schalen in Alkohol an, lässt sie zwei Wochen ziehen und filtert sie ab. Was übrig bleibt, ist eine Beize, mit der er alte und zu helle Gehörne auffrischt. Sie sieht besser aus als alles, was er kaufen kann.
Der Grund dafür ist einfach: Der Farbstoff aus der Walnuss verbindet sich mit dem Horn, statt sich darüberzulegen. Er zieht ein. Deshalb bleibt die Struktur sichtbar, deshalb glänzen die Spitzen anders als die Perlung, und deshalb sieht eine so behandelte Stange aus wie eine Stange – und nicht wie ein angemaltes Stück Holz. Wer schon einmal ein überlackiertes Gehörn gesehen hat, weiss was ich meine.
Es hätte auch einfach gehen können
Als wir beschlossen, daraus ein Produkt zu machen, lag ein anderer Weg näher.
Es gibt ein Salz, das Horn ebenfalls braun färbt: Kaliumpermanganat. Damit hätten wir das Produkt an einem Nachmittag fertig gehabt. Ein Löffel Pulver in einen Liter Wasser, umrühren, abfüllen. Der Inhalt einer Flasche hätte uns vier Cent gekostet.
Wir haben es ausprobiert. Und es liegen gute Gründe dagegen.
Das Mittel ist violett. Braun wird es erst eine Stunde nachdem man es aufgetragen hat. Man arbeitet also blind – man pinselt, wartet, und stellt später fest, dass die Stange zu dunkel geworden ist. Rückgängig machen lässt sich das kaum. Auf glatten Stellen wird der Ton leicht violettstichig statt braun. Die Hände sind eine Woche lang gezeichnet, das Waschbecken auch.
Dazu kommt, was auf so einer Flasche stehen müsste. Das Zeug ist brandfördernd und ätzend, und es steht auf einer Liste von Stoffen, die auch für ganz andere Zwecke missbraucht werden können – mit entsprechenden Auflagen. Für ein Mittel, das ein Jäger einmal im Jahr in der Garage benutzt, ist das die falsche Flasche.
Und ehrlich gesagt: Es wäre nicht das gewesen, wovon wir ausgegangen sind. Erwin Kappel sammelt keine Walnussschalen, weil er kein Permanganat kaufen könnte.
Der andere Weg hat gedauert
Ein Naturprodukt zu standardisieren ist mühsamer, als es klingt.
Selbst gesammelte Schalen sind an die Ernte gebunden. Wer im März ein Gehörn auffrischen will, hat keine. Und jeder Ansatz fällt anders aus, je nachdem wie reif die Nüsse waren und wie lange die Schalen lagen. In der eigenen Werkstatt ist das kein Problem – man kennt sein Zeug und pinselt eben einen Gang mehr. Bei hundert Flaschen, die alle gleich arbeiten sollen, schon.
Wir verwenden deshalb in unserer Beize den Wirkstoff aus den Walnuss-Schalen. Juglon oder auch 5-Hydroxy-1,4-naphthoquinone welches das ganze Jahr in gleicher Qualität verfügbar ist. Derselbe Rohstoff, nur verlässlich. Er kostet leider fast das fünfhundertfache des billigen Salzes.
Dann kam das Ausprobieren. Wie viel Alkohol, damit die Beize schnell trocknet, ohne dass sich nach Wochen etwas absetzt? Wie stellt man sie ein, damit das Braun tief wird statt blass? Jede Versuchscharge stand wochenlang im Lager, nur um zu sehen, ob sie klar bleibt.
Am meisten gelernt haben wir von einem Test, der schiefging. Wir hatten die fast fertige Beize einem Restaurator zum Prüfen gegeben, und er meldete zurück: An einzelnen Stellen sei das Gehörn violett geworden.
Die Ursache lag nicht an der Rezeptur, sondern an der Vorbereitung. Walnussfarbstoff reagiert mit Eisen – das ist derselbe Effekt, mit dem man früher Tinte hergestellt hat. Winzige Reste von Stahlwolle in der Perlung reichen aus, oder Rost von einem alten Aufhängedraht.
Man hätte das als Anwendungsfehler abtun können. Wir haben stattdessen einen Zusatz in die Rezeptur genommen, der solche Eisenspuren abfängt, bevor sie etwas anrichten – und den Hinweis in die Anleitung geschrieben: zum Vorbereiten kein Metallwerkzeug, keine Stahlwolle, keine Drahtbürste. Schleifpapier tut es auch.
Bei einer Permanganatlösung wäre das nie passiert. Es hätte aber auch nicht das Produkt gegeben, das wir haben wollten.
Was Sie davon haben
Die Beize färbt in Durchgängen. Ein Auftrag gibt ein helles Nussbraun, zwei ein sattes Mittelbraun, drei ein dunkles. Und weil die Farbe sofort sichtbar ist, sehen Sie beim Arbeiten, wo Sie stehen – keine Überraschung eine Stunde später.
Rosenstock und Perlung vertragen einen Gang mehr als die glatten Enden. Genau das macht den Unterschied zwischen einer Stange, die lebendig aussieht, und einer, die gleichmäßig durchgefärbt ist.
Nach dem Trocknen ist die Farbe wischfest und wasserfest.
Dieses Jahr sammelt der Influrator Erwin Kappel keine grünen Walnuss-Schalen mehr, denn unsere Gehörnbeize überzeugt.